Fachgruppe Advanced Fluids
Vorsitz: Prof. Dr. Peter Wasserscheid, Universität
Erlangen-Nürnberg
I. Ziele
Die Fachgruppe wurde im
Oktober 2007 aus dem seit September 2003 bestehenden temporären Arbeitskreis 'Alternative Lösungsmittelsysteme für technische Anwendungen, Advanced Solvents
Systems for Technical Applications (AS2TA)' gegründet, um die
Entwicklung und Nutzung alternativer Lösungsmittelkonzepte für technische
Verfahren zu fördern. Ausgangspunkt der Gründungsinitiative war die Erkenntnis,
dass die richtige Wahl des Reaktions- bzw. Trennmediums für zahlreiche
chemische und biotechnologische Verfahren, aber auch für die Gestaltung von
Produkten und im Sinne der Nachhaltigkeit von großer Bedeutung ist. Nachfolgend
werden die unterschiedlichen Lösungsmittelkonzepte unter dem Begriff 'Advanced
Fluids' zusammengefasst.
II. Schnittstellen zu
anderen Gremien
Die Thematik der Advanced Fluids ist in hohem Maße
interdisziplinär ausgerichtet, da deren Einsatzgebiete sehr vielfältig sind. Die
Fachsektion pflegt daher Kontakte zu einer Vielzahl anderer ProcessNet-Gremien,
um auch dort die Thematik der 'Advanced Fluids' bekannt
zu machen und zu verankern. Als eine geeignete Möglichkeit dafür werden
gemeinsame Veranstaltungen angesehen, in denen gezielt der Einsatz von 'Advanced Fluids' in den jeweiligen Bereichen diskutiert werden soll.
Vielversprechende Einsatzgebiete der 'Advanced Fluids' umfassen nach Meinung
des Arbeitskreises die Gebiete Reaktion/Katalyse (inkl. Biokatalyse),
Stofftrennung, Elektrochemie, Performance Additives, Engineering Fluids,
Analytik/Sensorik und Reinigungsprozesse. Es bestehen enge Kooperationen mit
den entsprechenden ProcessNet-Gremien bzw. diese werden angestrebt.
III. Aktivitäten
Die Fachgruppe dient vor allem als Plattform der
Kommunikation und des Informationsaustauschs auf dem Gebiet der Advanced
Fluids. Im Folgenden sind die wichtigsten Aktivitäten der Fachgruppe
dargestellt:
- Konzeption und
Organisation der Konferenzreihe 'Green Solvents'
Seit dem Jahr 2000 findet alle zwei Jahre die
internationale Konferenz 'Green Solvents for
' mit wechselndem thematischem
Fokus statt, an dessen wissenschaftlicher Konzeption und Organisation die
Fachsektion wesentlich beteiligt ist. An der Konferenz nehmen regelmäßig rund
200 Wissenschaftler teil.
- Mitgliederversammlungen
mit wissenschaftlichem Vortragsprogramm
Bei den Mitgliederversammlungen wird ein intensiver
Austausch zwischen akademischen und industriellen Forschern angestrebt.
Weiterhin dienen sie der Förderung der Kommunikation und des
Informationsaustauschs zwischen Chemikern, Ingenieuren, Anlagenbauern und
Anwendern bei der Frage, welche spezifischen Probleme für die technische
Nutzung der 'Advanced Fluids' noch zu lösen sind (Datenmangel, Schnittstellen
bei der Prozessentwicklung etc.).
Die Fachgruppe verfolgt
die Intensivierung und Pflege der Kontakte zu Einrichtungen der
Forschungsförderung. Mit der erfolgreichen Beantragung eines DFG-Schwerpunktprogramms 'Ionische Flüssigkeiten (SPP 1191)' und mit der Einrichtung eines speziellen
Forschungsprogramms 'Ionische Flüssigkeiten Advanced Fluids' bei der Deutschen
Bundesstiftung Umwelt konnte bereits der Arbeitskreis gute Erfolge verzeichnen.
Schaffung eines breiten Bewusstseins für die
Innovationspotenziale, die sich mit der technischen Nutzung von 'Advanced
Fluids' verbinden. Die Öffentlichkeitsarbeit der Fachsektion bezieht sich dabei
auf alle Ebenen der öffentlichen Wahrnehmung der neuen Technologien, also
sowohl auf die Kommunikation mit Einrichtungen der öffentlichen
Forschungsförderung (DFG, BMBF, EU, DBU) als auch auf Genehmigungsbehörden,
Umweltpolitik oder Presse.
IV. Fachliche Inhalte
Beispiele
für 'Advanced Fluids' sind nach Meinung der Fachsektion ionische Flüssigkeiten,
überkritische Medien (vor allem überkritisches CO2 und
überkritisches Wasser), Wasser, flüssige Polymere, PEG-Alkohole und -Ether
sowie thermomorphe Lösungsmittelsysteme:
Ionische Flüssigkeiten sind Salze mit Schmelzpunkten
von unter 100°C. Sie zeichnen sich durch ihre ionische Natur und insbesondere
durch ihre extrem geringe Flüchtigkeit aus. Zahlreiche ionische Flüssigkeiten
besitzen einzigartige Eigenschaftsprofile, die sich in neuen, effizienteren
Verfahren gezielt nutzen lassen.
Jenseits einer bestimmten Temperatur (kritischer
Punkt) lassen sich Gase auch durch Anwendung hoher Drücke nicht mehr
verflüssigen. Solche überkritischen Fluide vereinen die Eigenschaften von Gas-
und Flüssigphase. Sie sind in der Lage, Stoffe zu lösen, wobei die
Lösungsmitteleigenschaften durch geringe Änderungen von Druck und Temperatur
variiert werden können.
Wasser ist das älteste und das am besten erforschte
Lösungsmittel. Dennoch liegt in der geschickten Kombination von Wasser mit
anderen 'Advanced Fluids' nach der Meinung der Fachsektion ein großes
Potenzial für neue technische Anwendungen.
Polyethylenglykole (PEG) sind in unterschiedlichen
Molekulargewichten kostengünstig kommerziell verfügbar und finden vielfältige
Anwendungen in der Medizin und im Nahrungsmittelsektor. Die Verbindungen sind
toxikologisch und öko-toxikologisch absolut unbedenklich sowie biologisch
vollständig abbaubar. Sie sind andererseits für viele Anwendungen chemisch
inert und mit unterschiedlichsten Anforderungen kompatibel.
Hyperbranched polymers stellen ebenfalls eine neue
Klasse von Flüssigkeiten dar, die sich durch einen extrem niedrigen Dampfdruck
auszeichnen. Die Materialien sind mittlerweile in technischen Mengen zu
attraktiven Preisen verfügbar und wurden bereits erfolgreich in der thermischen
Trenntechnik als Entrainerflüssigkeiten eingesetzt.
- Thermomorphe
Lösungsmittelsysteme (TML-Systeme)
Temperaturgesteuerte Lösungsmittelsysteme werden
bisher erfolgreich bei homogenkatalysierten Reaktionen eingesetzt: Bei der
Verwendung von homogenen Übergangsmetallkatalysatoren in technischen Reaktionen
ist die Rückführung des Katalysators in vielen Fällen essentiell für die
Wirtschaftlichkeit des Verfahrens. Eine mögliche Lösung dieses Problems ist die
Durchführung der Reaktion in temperaturgesteuerten
Flüssig-Flüssig-Zweiphasensystemen (FFZP). Bei diesen FFZP liegt das Gemisch
bei Reaktionstemperatur einphasig vor und die Reaktion verläuft ohne
Stofftransportprobleme.